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Grünfarbener Balken

 

Das Wissen der Deutschen um die Judenvernichtung im Nationalsozialismus

 

Entgegen der weitverbreiteten Meinung vieler Deutscher nach dem Ende der NS-Zeit und dem verlorenen Zweiten Weltkrieg, man habe von der Judenvernichtung nichts gewusst, wissen wir heute, dass dem nicht so war. Mit Walter Laqueur können wir konstatieren, dass "nur eine Handvoll Deutscher alles über die 'Endlösung' wußte, aber nur sehr wenige wußten gar nichts." 

Informationsmöglichkeiten gab es genug (z.B. Reichstagsrede Hitlers am 30. Januar 1939, darin Vernichtungsandrohung bei neuerlichem Weltkrieg; Zeitungsartikel Goebbels am 16. November 1941 in "Das Reich", darin Bezugnahme auf Hitler-Rede; Augen- und Ohrenzeugen - Wehrmachtssoldaten, Eisenbahner, Arbeitsdienst, Zivilisten etc. - der polnischen Ghettos, der Massenerschießungen der Einsatzgruppen, des Vernichtungslagers Auschwitz etc., die darüber ihren Verwandten und Bekannten in der Heimat berichteten; Beobachter der öffentlichen Deportationen in den Osten ab Oktober 1941; BBC-Rundfunkmeldungen über Massenmord und Vernichtungslager; Flugblätter der Alliierten und des Widerstandes der "Weißen Rose" u.v.m.).

Dennoch bezog sich das anscheinend vorhandene Wissen nur auf Teilaspekte des unter strengster Geheimhaltung durchgeführten "Mord-Unternehmens" (Ullrich). D.h., diese Teilaspekte mussten durch einen kognitiven Akt zu einem Gesamtbild der Judenvernichtung geformt werden, dem standen jedoch mehrere Mechanismen (bspw. generell wenige persönliche Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden im damaligen Deutschland, erfolgreiche Kontaktreduzierung zwischen diesen Gruppen durch NS-Erlasse, Naziterror und -propaganda, dadurch bedingt "Verlust der humanen Orientierung" [Giordano] und Gefühlskälte, mit Einsetzen der Luftangriffe eigene Lebensbedrohung, Unglaube über das Grauen/Überforderung durch die historische Singularität der fabrikmäßig betriebenen Massenvernichtung, dadurch bedingt Verdrängung der Schuld als Selbstschutzreflex, schließlich Angst vor Vergeltung im Angesichte der "Kollektivschuldthese") im Wege, die die Reaktion vieler Deutscher (angebliches Nichtwissen) zu erklären helfen.

 

Hilfreiche Literatur:

Einen sehr guten Überblick über die Thematik bietet der Aufsatz von:

Ullrich, Volker: „Wir haben nichts gewußt“ – Ein deutsches Trauma, 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 6 (1991) 4, S. 11-46.

Daneben seien empfohlen:

Bankier, David: Die öffentliche Meinung im Hitler-Staat. Die „Endlösung“ und die Deutschen. Eine Berichtigung, Berlin 1995.

Benz, Wolfgang: Die Deutschen und die Judenverfolgung: Mentalitätsgeschichtliche Aspekte, in: Büttner, Ursula (Hg.): Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich, überarb. Neuausgabe, Frankfurt am Main 2003, S. 69-85.

Gellately, Robert: Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk, Stuttgart; München 2002.

Laqueur, Walter: Was niemand wissen wollte. Die Unterdrückung der Nachrichten über Hitlers „Endlösung“, Frankfurt/M.; Berlin; Wien 1981.

Longerich, Peter: "Davon haben wir nichts gewusst!". Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945, München 2007.

Steinert, Marlis G.: Hitlers Krieg und die Deutschen. Stimmung und Haltung der deutschen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg, Düsseldorf; Wien 1970 (Kap. II. 2: Die Verfolgung der Juden, S. 236-263).